Fettfleck der Republik

"Glückselig, wessen Arm umspannt / zwei Schinken aus Westfalenland" - so oder zumindest so ähnlich heißt es im Westfalenlied, dessen Ursprung wohl in Gütersloh liegt. Gilt unser Kreis doch wegen der vielen Fleisch verarbeitenden Betriebe als die "Wurstküche Westfalens" oder auch, weniger nett, als "Fettfleck der Republik".

Gütersloh unterstreicht dieses Image mit der Ausrichtung des Schinkenmarkts. Eingefleischte Vegetarier (wenn es denn so etwas gibt) kommen sich auf dem Berliner Platz derzeit vor wie Schlittschuhläufer in der Wüste. Doch der Schinkenmarkt ist alte Tradition: in Ermangelung eines Wahrzeichens hatten unsere Stadtväter schon lange vor der Gründung der Stadtmarketing GmbH ein touristisches Aushängeschild für Gütersloh gesucht und waren 1987 fündig geworden: "Ein Holzpfahl, an dem fünfzig Plastikschinken baumeln - das wird ein Knüller!" Mit dieser einfachen, kostengünstigen und unter uns gesagt völlig abstrusen Idee lockt man seitdem erfolgreich jedes Jahr hunderttausend Menschen in die Stadt.

Der rege Publikumszuspruch erstaunt aus mehreren Gründen. Zum einen haben die Magenwände vieler Ostwestfalen noch mit kandierten Äpfeln und Zuckerwatte von der Michaeliskirmes zu kämpfen. Zum anderen hat ein Besucher des Schinkenmarktes eigentlich nur eine Beschäftigungsmöglichkeit: Schinken essen. Das ist grundsätzlich eine feine Sache, kann aber beschwerlich werden, wenn es in die dritte Stunde geht. Hinzu kommt: Nicht alle Schinken sind saftig und gesalzen, wohl aber alle Preise - die Metzger machen bei ihrem Knochen-Job jedenfalls einen guten Schnitt.

Trotzdem: Auf dem Schinkenmarkt ist es immer wieder schön. Wer sich genug Abgehangenes angeschaut hat, kann dann in eine der angrenzenden Kneipen einkehren und dort selbst abhängen, ganz nach dem Motto "Erst Schinken sehen, dann trinken gehen". Echte Feinschmecker jedoch erwarten den Kutschenkorso und bewundern die prächtigen Rösser - oder wie man in Gütersloh sagt: Schinken im Ausgangsstadium.

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