Die Königsmacher

Will man es sich mit 99 Prozent der Gütersloher Bevölkerung verscherzen, gibt es drei Möglichkeiten: 1. Man fordert den Abriss des Alten Kirchplatzes zugunsten eines Baumarkts, 2. man setzt sich für die Verlegung der Bertelsmann-Hauptverwaltung nach New York ein oder 3. man schreibt an dieser Stelle über Schützenvereine. Also, auf geht´s:

Jedes Jahr im Juni erscheint kaum eine Zeitungsausgabe in Gütersloh, in der nicht über ein Schützenfest berichtet wird. Zugezogene Neubürger finden die detaillierte Berichterstattung über die Route des Festmarsches, die Garderobe der Schützenkönigin und den Zeitpunkt des Polizeieinsatzes leicht ermüdend, ebenso wie die doppelseitige Auflistung aller Hofstaat-Mitglieder. Bei Journalisten sind solche Artikel jedoch recht beliebt, denn da Schützen bei ihren Festen gerne an Traditionen festhalten, lassen sich problemlos die Berichte vom Vorjahr übernehmen.

So läuft jedes Schützenfest stets nach den selben strengen Regularien ab: Die Schützen ziehen zum Festplatz, um dort zu feiern, zu trinken und kartellrechtlich bedenkliche Absprachen zu treffen. Nebenbei wird auch geschossen, wobei jeder versucht, den Adler nicht zu treffen. Wer das am schlechtesten kann, wird Schützenkönig und darf umgehend bei seiner Bank einen Kredit in sechsstelliger Höhe beantragen (der sofort bewilligt wird, schließlich ist auch der Bankdirektor Schützenbruder); alle anderen freuen sich und bekommen vom neuen Schützenkönig fortan Freibier. Das ist allerdings auch bitter nötig, denn als Gegenleistung müssen alle Schützen ins Schützenzelt, wo eine Live-Band das musikalische Lebenswerk Wolfgang Petrys zum Besten gibt - und das zu ertragen, ist nüchtern noch niemandem gelungen.

Gegen Mitternacht ruft dann traditionell ein Anwohner, der zu dem restlichen einen Prozent der Bevölkerung gehört, wegen Ruhestörung die Polizei. Mit dem Einsatz der Beamten, die ohnehin alle neidisch sind, weil Schützen die schniekeren Uniformen tragen und öfter rumballern dürfen, endet das erfolgreiche Fest. Na dann: Wir sehen uns in Avenwedde!

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