Ansichtssache

In regelmäßigen Abständen kommen im Auktionshaus Jentsch Gütersloher Ansichtskarten unter den Hammer. Bei der großen Auswahl haben interessierte Heimatkundler gute Karten, eben solche zu ersteigern. Zumal die meisten dieser Postkarten aus der "guten alten Zeit" stammen, als die Gütersloher Innenstadt noch nicht in Schutt und Asche gelegt worden war - also vor der Innenstadtsanierung 1972.

Damals gab es noch reichlich Motive. Aktuelle Postkarten zeigen hingegen immer nur dieselben drei Bilder:
1. die Apostelkirche,
2. das Veerhoff-Haus und
3. den Alten Kirchhof mit Apostelkirche und Veerhoff-Haus.
In ihrer Motivnot schreiben die heutigen Postkarten-Gestalter auf die Gütersloher Karten schon möglichst viel vorne drauf, wie z.B. "Herzliche Grüße aus Gütersloh in Westfalen", als ob es eine Verwechslungsgefahr mit einem Gütersloh in Niederbayern gäbe.

Man muss fairerweise zugeben, dass es außer der Arbeit als Bergmann oder Sickergruben-Reiniger kaum einen schwereren Job gibt, als Postkarten-Designer für Gütersloh zu sein. Was wollen Sie denn da fotografieren, wenn nicht die Szenerie an der Kirchstraße? Nur wenige Postkartenliebhaber finden Gefallen an Motiven wie "Die Miele-Unterführung", "Das Karstadt-Parkhaus" oder "Der Alte Güterbahnhof bei Nacht".

Und eines muss man den Gütersloher Karten-Fotografen lassen: wie sie das wenige, das es zu fotografieren gibt, abbilden, ist sensationell. Ein Bild vom Berliner Platz wird immer durch irgendein Gebüsch aufgenommen, und zwar so, dass entweder nur die Martin-Luther-Kirche oder nur die efeuberankte Volkshochschule zu sehen ist. Wer nicht weiß, dass sich dort wenige Meter weiter der Karstadt-Kubus erhebt, ist sich sicher, der Berliner Platz wäre Herzstück einer Landesgartenschau - und vorgemerkt für die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes. Ob man Gütersloh schön findet, hängt eben immer vom Standpunkt des Betrachters ab...

Übrigens: 50 Cent für eine dieser aktuellen Postkarten sind gut angelegt. In ein paar Jahren, wenn die VHS für einen Handy-Shop abgerissen worden ist, liegt das Höchstgebot bei Herrn Jentsch sicherlich weit darüber...

Leseproben aus "Ausgerechnet Gütersloh!"

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