Das Heidelberg Ostwestfalens

Das Gütersloher Stadtmuseum schafft es immer wieder, interessante Ausstellungen zur Gütersloher Geschichte auf die Beine zu stellen - wenn man bedenkt, dass Gütersloh eigentlich gar keine Geschichte hat, eine bemerkenswerte Leistung. Zurecht vielbesucht war deshalb auch die vor wenigen Tagen zu Ende gegangene Sonderausstellung "Die untere Berliner Straße gestern und heute".

Zwar war der Teil der Ausstellung, der sich mit der heutigen Berliner Straße beschäftigt, überflüssig, da diese nur 50 Meter vom Stadtmuseum entfernt in natura zu beschauen ist. Der vergangenheitsbezogene Teil mit alten Fotos der Berliner Straße war dafür umso interessanter. Und trauriger.

Denn die Beschäftigung mit der Vergangenheit macht erst deutlich, wie schön Gütersloh einst gewesen ist. Wurde die Dalkestadt wegen ihrer romantischen Fachwerkhäuser und engen Gassen damals nicht "das Heidelberg Ostwestfalens" genannt? Es würde nicht wundern.

Nun fragt man sich unweigerlich: Wo sind all die schönen Gebäude hin? Vom Krieg zerstört? Einem Vulkanausbruch zum Opfer gefallen? Oder einer innenstadtnahen Feuerwerksfabrik? Nein, die Antwort ist grausamer: Es war die Innenstadtsanierung. Ein Wort wie eine Abrissbirne. Von 1965 an wurde 15 Jahre lang systematisch alles, was schön aussah, gegen einen Betonkubus ersetzt.

Als wäre das nicht schon schlimm genug, ging man dabei auch noch höchst schlampig zu Werke! Wie anders ist es zu erklären, dass der Alte Kirchplatz noch existiert? Warum ließ man beim Abriss des Rathauses die Volkshochschule unberührt? Und warum steht an der Stelle der Martin-Luther-Kirche noch immer kein Baumarkt? So etwas ist inkonsequent.

Die Stadt hat das Problem erkannt und versucht erfolgreich, mit dem Bau von Großkinos und Schnellrestaurants an das städtebauliche Konzept der 60er Jahre anzuschließen. Schon jetzt darf man auf die Ausstellung des Stadtmuseums in 50 Jahren gespannt sein. Ob man dann dem Gütersloh hinterhertrauert, das wir heute bei einem Blick auf die Berliner Straße sehen?

Leseproben aus "Ausgerechnet Gütersloh!"

Außerdem erhältlich

Alle Infos zum Buch "Pölter, Plörre und Pinöckel"

 
AGB | Impressum | Digitalkombinat.net